Wenn man nach Chess Vision sucht, meint der Begriff zwei völlig unterschiedliche Dinge. Einerseits die menschliche Fähigkeit: das Brett im Kopf zu visualisieren, Varianten ohne Berühren der Figuren zu berechnen und drei Züge vorab zu sehen, dass der Springer auf f3 ungedeckt sein wird. Andererseits bezeichnet er eine Kategorie von Software: Computer-Vision-Algorithmen, die ein Bild mit Schachinhalten erfassen und in maschinenlesbare Notation übersetzen.
In diesem Artikel geht es um die Software – und konkret um die beiden Tools, die Schachspieler am häufigsten miteinander vergleichen: Chessvision.ai und ScanChess. Aus der Ferne wirken sie verblüffend ähnlich: Man hält eine Kamera auf Schach und erhält ein digitales Ergebnis. Doch sie erfassen völlig unterschiedliche Objekte. Genau dieser Unterschied entscheidet darüber, welche App auf dein Smartphone gehört.
Die entscheidende Frage vorab
Bevor wir Funktionen im Detail vergleichen, beantworte diese eine Frage: Was fotografierst du?
- Ein Diagramm – eine Taktikaufgabe im PDF, eine Stellung in einem YouTube-Video, den Screenshot aus einem Forum oder ein gedrucktes Diagramm im Schachbuch. Das ist eine einzelne Stellung, und das gewünschte Format ist FEN.
- Ein Partieformular – das Blatt Papier, das du während einer Turnierpartie von Hand ausgefüllt hast; vierzig handschriftliche Züge in zwei Spalten. Das ist eine vollständige Partie, und das gewünschte Format ist PGN.
Chessvision.ai wurde für den ersten Fall entwickelt. ScanChess für den zweiten. Alle weiteren Unterschiede leiten sich direkt daraus ab.
Was Chessvision.ai leistet
Chessvision.ai ist eine Familie von Anwendungen rund um eine Kernfunktion: zweidimensionale Schachdiagramme zu erkennen und in eine Stellung umzuwandeln, die du sofort analysieren kannst. Im Chrome Web Store zählt die Erweiterung über 100.000 Nutzer bei einer Bewertung von 4,6 Sternen aus über 770 Rezensionen und ist damit das bekannteste Werkzeug in dieser Nische.
Das Angebot (Stand September 2026):
- Browser-Erweiterung für Chrome, Firefox und Safari. Ein Klick auf das Symbol scannt die aktuelle Seite und öffnet die Stellung auf einem Lichess- oder Chess.com-Analysebrett. Ein Auswahlmodus („Select area“) erlaubt das gezielte Scannen eines bestimmten Bretts bei Seiten mit mehreren Diagrammen. Hinzu kommen Zugrechtserkennung anhand von Hervorhebungen des letzten Zugs, Brettdrehung, FEN-Kopieren und ein Diagrammeditor.
- Mobile Scanner-App für iOS und Android, im App Store beschrieben für das Scannen von Schachstellungen aus Druckwerken und 2D-Quellen – Buchseiten, Zeitschriften oder Bildschirmen.
- eBook Reader, der PDF-Schachbücher verarbeitet, sodass du jedes Diagramm im Buch per Doppelklick direkt zur interaktiven Analyse öffnen kannst (separates Abonnement).
- Library unter my.chessvision.ai zum Speichern gescannter Diagramme, Erstellen von Eröffnungsrepertoires und Trainieren mit Karteikarten.
- Video-Funktionen: Verknüpft eine gescannte Stellung mit YouTube-Inhalten, sodass du Meistern zusehen kannst, wie sie exakt die vorliegende Stellung erklären, ergänzt um einen Board Explorer zum Nachspielen von Videoanalysen.
- Zusatzwerkzeuge: Bots für Twitter/X, Telegram, Discord und Reddit sowie kleine Helfer wie FEN-zu-Bild und PGN-zu-PDF.
Preise: Die Mitgliedschaft kostet als In-App-Kauf 5,99 $/Monat oder 45,99 $/Jahr für unbegrenzte Scans in Erweiterung, App und Library. Im kostenlosen Tarif steht ein begrenztes Scan-Kontingent bereit; ist es erschöpft, wartet man rund 24 Stunden oder schließt ein Abo ab. Der eBook Reader wird separat abgerechnet (in der kostenlosen Version lassen sich nur Diagramme der ersten Buchseiten anklicken).
Was es nicht leistet: Chessvision.ai enthält keinerlei Unterstützung für handschriftliche Notationen. Es liest gedruckte und digital gerenderte Bretter, keine Bleistifteinträge. Es gibt keinen Weg vom Partieformular zur PGN.
Was ScanChess leistet
ScanChess setzt am Ursprung des analogen Turnierschachs an: beim Partieformular, das der Schiedsrichter nach der Runde einsammelt.
- Partieformular zu PGN: Fotografiere das ausgefüllte Formular ab – bis zu 10 Bilder pro Partie (JPG, PNG oder WebP, je bis zu 15 MB) – und erhalte eine vollständige PGN inklusive Metadaten. Ein Scan kostet pauschal 2 Credits, unabhängig von der Seitenzahl. Eine Partie, die sich über zwei Blätter erstreckt, kostet somit nicht doppelt. Die Erkennung konzentriert sich auf algebraische Notation; ältere deskriptive Notation (wie P-K4) wird nicht unterstützt.
- Regelprüfung, nicht nur Texterkennung: Jeder erkannte Zug wird auf dem virtuellen Brett nach den FIDE-Schachregeln nachgespielt. Wenn Zug 23 aus der Stellung von Zug 22 unmöglich ist, wird der Zug farbig markiert, damit du ihn korrigieren kannst – statt eine defekte Partie zu exportieren. Das ist unverzichtbar, denn handschriftliche Formulare enthalten durchgestrichene Züge, verrutschte Zeilen oder ein
Nf3, das wie einNf5aussieht. - Brett-Foto zu FEN für 1 Credit. Dies überschneidet sich mit Chessvision.ai, jedoch mit einem entscheidenden Unterschied: ScanChess ist auf Fotos von echten, dreidimensionalen Schachfiguren optimiert. Es bewältigt Verdeckungen, ungewöhnliche Figurensätze und schräge Kamerawinkel. ScanChess weigert sich bewusst zu raten, wenn ein Foto keine Gewissheit bietet: Es erfindet kein Rochaderecht, wenn der Turm sichtlich gezogen hat, und listet unklare Felder transparent auf, anstatt eine fehlerhafte Stellung mit falscher Sicherheit auszugeben.
- Integrierte Schachengine im Browser: Stockfish läuft lokal direkt im Browser. Jede gescannte Partie oder Stellung kann ohne Zusatzkosten und ohne Datenübertragung an externe Server analysiert werden.
- Kostenlose Tools ohne Registrierung: Ein PGN-Viewer, ein Brett-Editor, ein PGN-Validator und ein Generator für druckbare Partieformulare.
- Plattformen: Webanwendung (auf Englisch und Chinesisch) sowie eine iOS-App (keine Android-Version).
Preise: Guthaben-Modell (Credits) statt täglicher Kontingente. Bei der Registrierung erhältst du 10 Credits kostenlos (ausreichend für fünf Partieformulare), plus 5 pro Empfehlung. Pro kostet 4,99 $/Monat oder 29,99 $/Jahr für 100 Credits alle 30 Tage; Pro+ kostet 19,99 $/Monat oder 119,99 $/Jahr für 500 Credits. Credits verfallen nicht und bleiben auch nach Kündigung eines Abos erhalten (Preise in US-Dollar). Einen genauen Überblick bietet der Artikel ScanChess Free vs. Pro.
Direkter Vergleich
| Chessvision.ai | ScanChess | |
|---|---|---|
| Primäre Eingabe | Gerenderte 2D-Diagramme: Bildschirme, PDFs, Bücher, Videos | Handschriftliche Partieformulare; Fotos physischer Bretter |
| Primäre Ausgabe | FEN – eine einzelne Stellung | PGN – eine vollständige Partie |
| Handschrifterkennung | Nein | Ja (algebraische Notation) |
| Mehrseitige Partien | Nicht anwendbar | Bis zu 10 Bilder, insgesamt 2 Credits |
| Regelprüfung auf Legalität | Nicht als Funktion ausgewiesen | Jeder Zug wird gegen die vorangehende Stellung geprüft |
| Browser-Erweiterung | Chrome, Firefox, Safari | — |
| Mobile Apps | iOS und Android | Nur iOS |
| PDF-Schachbücher | Ja (eBook Reader, separates Abo) | Nein |
| Video-Matching / YouTube | Ja | Nein |
| Repertoire & Karteikarten | Ja (Library) | Nein – Fokus auf Partien und Archiv |
| Engine-Analyse | Weiterleitung zu Lichess oder Chess.com | Lokales Stockfish im Browser plus Lichess-Export |
| Abrechnungsmodell | Abonnement, unbegrenzte Scans | Credits, kein Verfall ungenutzten Guthabens |
| Hauptpreis | 5,99 $/Monat oder 45,99 $/Jahr | 4,99 $/Monat oder 29,99 $/Jahr (Pro) |
| Kostenlose Stufe | Begrenzte Scans, Erneuerung nach ca. 24 Std. | 10 Start-Credits, alle Kernfunktionen freigeschaltet |
Welches Tool solltest du nutzen?
Greife zu Chessvision.ai, wenn du vor allem am Bildschirm lernst. Du liest Schachbücher im PDF-Format, schaust viele YouTube-Lehrvideos und möchtest eine Stellung aus einem Forum mit einem Klick in die Engine laden, ohne die Figuren aufzubauen. Insbesondere die Verknüpfung mit Erklärvideos ist einzigartig und rechtfertigt für fleißige Schachschüler bereits das Abonnement.
Greife zu ScanChess, wenn du Turnierschach am echten Brett spielst. Dein Problem ist kein Diagramm auf dem Monitor, sondern der Stapel Papierformulare in deiner Turniertasche – Dutzende Partien, die sonst nie jemand analysiert, weil das manuelle Eintippen von vierzig Zügen zu mühsam ist. Genau dafür gibt es den ScanChess-Scanner. Aus der exportierten PGN gelangst du mit einem Klick direkt zu Lichess oder Chess.com.
Nutze beide, wenn du beide Welten verbindest – was auf die meisten Vereinsspieler zutrifft. Die Tools sind keine direkten Konkurrenten, sondern decken zwei unterschiedliche Abschnitte ab: Das eine liest digitales Schach, das zu einem Bild komprimiert wurde; das andere liest analoges Turnierschach, das noch nie zuvor digitalisiert war.
Eine praktische Anmerkung: Wenn du nur gelegentlich eine Stellung aus einem Screenshot übernehmen willst, ist die Browser-Erweiterung von Chessvision.ai unschlagbar bequem. ScanChess glänzt hingegen beim Foto eines echten Brettes während einer Partie, auf dem Figuren sich gegenseitig verdecken und die Beleuchtung im Turniersaal nicht ideal ist.
Wenn sich deine Partieformulare schneller stapeln, als du sie abtippen kannst: Scanne ein Formular mit ScanChess – die ersten fünf Partien sind komplett kostenlos.

