Wer in den Vereinigten Staaten an gewerteten Schachturnieren teilnimmt, unterliegt am Brett nicht den internationalen FIDE-Schachregeln. Maßgeblich ist stattdessen das offizielle Regelwerk des US-Schachverbands (US Chess Federation), und insbesondere Regel 15 („Das Aufzeichnen von Partien“). Beide Regelwerke stimmen in den meisten Punkten überein. Sie weichen jedoch in drei praktischen Punkten am Brett voneinander ab: welche Notation zulässig ist, ob man den Zug vorab aufschreiben darf und welches Dokument als offizielles Protokoll gilt.
Was Regel 15A vorschreibt
Die grundlegende Pflicht lautet:
Im Verlauf der Partie ist jeder Spieler verpflichtet, die Partie (sowohl die eigenen als auch die gegnerischen Züge) Zug um Zug so klar und leserlich wie möglich auf dem für den Wettkampf vorgeschriebenen Partieformular aufzuzeichnen.
Daraus ergeben sich drei verbindliche Anforderungen:
- Beide Züge, Zug um Zug: Nicht bloß die eigenen Züge und nicht gesammelt nach einer Stunde.
- Leserlich auf dem vorgegebenen Formular: Stellt der Turnierveranstalter Formulare bereit, sind diese der verbindliche Standard.
- Erst ziehen, dann notieren: Regel 15A stellt unmissverständlich klar: „Der Spieler muss zuerst den Zug auf dem Brett ausführen und ihn erst danach auf dem Partieformular notieren.“ Diese Regelung wurde 2014 angepasst, um mit der FIDE und elektronischen Notationsgeräten gleichzuziehen – für Spieler älterer Generationen ist dies die am leichtesten versehentlich verletzte Vorschrift.
Regel 15A enthält zudem eine Klausel, die bei der FIDE nicht derart explizit formuliert ist: Das Partieformular „muss für den Schiedsrichter (Tournament Director) und den Gegner während der gesamten Partie sichtbar sein.“ Das Formular auf den Schoß zu legen oder wegzudrehen, stellt bereits einen Regelverstoß dar.
Die Strafe ist kein Partieverlust: Schiedsrichter werden angewiesen, zunächst eine Verwarnung auszusprechen; die Standardsanktion nach 1C2a besteht aus einer Zeitgutschrift von zwei Minuten auf der Schachuhr des Gegners.
Die Papier-Ausnahmeregelung (Variation I)
Hier liegt der erste handfeste Unterschied zur FIDE, der viele ausländische Gastspieler überrascht.
US Chess führt Regel 15A Variation I, die Ausnahmeregelung für Papierformulare:
Ein Spieler, der ein Papier-Partieformular nutzt, darf zuerst ziehen und dann notieren, oder umgekehrt.
Unter dieser Ausnahmeregelung ist das vorherige Notieren des beabsichtigten Zugs ausdrücklich gestattet. Die FIDE verbietet dies strikt (außer bei Remisreklamationen oder Abgabe des Hängezugs). Diese Variante muss zudem „nicht vorab angekündigt werden“ – ein Turnier kann also nach dieser Variante gespielt werden, ohne dass dies explizit in der Ausschreibung steht.
Daraus folgt: Möchtest du Züge vorab notieren, frage den Schiedsrichter vorab, ob die Variation in Kraft ist. Und falls du vorab schreibst, radiere nicht fortwährend Züge aus, um dich umzuentscheiden: Schiedsrichter sind angewiesen, das wiederholte Ändern notierter Züge vor deren Ausführung nach Regel 20C („Verbot von Notizen“) zu bestrafen.
Deskriptive Notation ist weiterhin legal
Der zweite Unterschied überrascht jeden, der von der weltweiten Gültigkeit der FIDE-Regeln ausgeht. Regel 15A besagt:
Die algebraische Notation ist Standard, jedoch ist deskriptive Notation oder Computer-Notation gestattet.
Ein in den USA mit deskriptiver Notation geführtes Formular (mit Zügen wie P-K4 und N-KB3) ist vollkommen regelkonform. Zwar nutzt kaum ein jüngerer Spieler diese Schreibweise noch, doch das Regelwerk hat sie nie abgeschafft, und ältere Vereinsspieler greifen gelegentlich darauf zurück. Die FIDE erkennt ausschließlich die algebraische Notation an.
Das ist relevant, wenn du deine Partien später digitalisieren willst. Erkennungssoftware wie ScanChess arbeitet ausschließlich mit algebraischer Notation: Formulare mit P-K4 werden weder konvertiert noch regeltechnisch geprüft. Wenn du deine Partien archivieren oder analysieren willst, schreibe stets in algebraischer Notation. Wie man alte deskriptive Notationen liest, erklärt Deskriptive vs. algebraische Notation.
Wann die Mitschriftspflicht entfällt
Die Regeln 15B und 15C regeln die Zeitnot und unterscheiden nach der Art der Bedenkzeit:
- 15B (Turniere ohne Sudden-Death): Hat ein Spieler weniger als fünf Minuten auf der Uhr und gibt es kein Inkrement von mindestens 30 Sekunden pro Zug, sind beide Spieler von der Mitschrift befreit.
- 15C (Sudden-Death): Dieselbe Befreiung gilt bei Sudden-Death-Bedenkzeiten.
Ausschlaggebend ist das Inkrement: Nur bei einem Zeitzuschlag von mindestens 30 Sekunden auf einer ordnungsgemäß eingestellten Digitaluhr muss bis zum Schluss mitgeschrieben werden. Kann die Uhr kein Inkrement oder ist sie falsch programmiert, greifen die Ausnahmen 15B und 15C.
Welches Formular gilt als offiziell?
Regel 43 definiert ein Partieformular als „jedes Blatt Papier, elektronische oder mechanische Aufzeichnungsgerät, das es einem Spieler ermöglicht, Regel 15A zu erfüllen“, und stellt klar:
- Stellt der Veranstalter Formulare bereit, sind diese der maßgebliche Standard.
- Werden keine Formulare gestellt, ist jede Methode zulässig, die Regel 15A erfüllt.
- Muss eine Mitschrift abgegeben werden, kann der Schiedsrichter das offizielle Formular verlangen oder alternative Formen akzeptieren.
Schiedsrichtern wird empfohlen, flexibel zu agieren: Spieler, die ihre Partien in einem Notizbuch oder auf zertifizierten elektronischen Geräten mitschreiben, dürfen eine Kopie oder einen Ausdruck einreichen. Elektronische Formulare unterliegen den Zertifizierungsrichtlinien von US Chess.
Für Turnierleiter bedeutet dies: Das selbst gedruckte Formular wird in dem Moment zur offiziellen Turnierurkunde, in dem es an die Bretter verteilt wird. Es lohnt sich daher, Vereinsname, Runde und Tischnummer vorab einzudrucken. Unser Generator für druckbare Partieformulare erledigt dies für US Letter und DIN A4 gleichermaßen.
Checkliste vor Runde 1
- Schreibe in algebraischer Notation, auch wenn deskriptive noch erlaubt ist.
- Führe zuerst den Zug aus und notiere ihn danach, es sei denn, die Papier-Ausnahme ist ausdrücklich aktiv.
- Platziere das Formular so, dass Schiedsrichter und Gegner es jederzeit einsehen können.
- Bei unter fünf Minuten Bedenkzeit ohne 30-Sekunden-Inkrement darfst du das Mitschreiben einstellen; mit Inkrement musst du weiterschreiben.
- Kläre vor Rundenbeginn, ob und an wen eine Kopie des Formulars abgegeben werden muss.
Digitalisiere deine Formulare, bevor sie im Schuhkarton verschwinden: Ein Foto wird in Sekundenschnelle zu einer durchsuchbaren PGN-Datei.

