Schlägt man ein englisches Schachbuch auf, das vor 1980 gedruckt wurde, wirken die Züge oft wie ein Geheimcode: 1. P-K4 P-K4 2. N-KB3. Das ist die deskriptive Notation (beschreibende Notation), die über ein Jahrhundert lang die vorherrschende Schreibweise im englischen Sprachraum war. Moderne Bücher, Websites und Turnier-Partieformulare nutzen stattdessen die algebraische Notation, in der dieselbe Eröffnung als 1. e4 e5 2. Nf3 notiert wird. Wer gerne in historischen Schachklassikern schmökert, sollte beide Systeme verstehen.
Wie die deskriptive Notation funktioniert
Die deskriptive Notation benennt Felder stets aus der Perspektive des jeweiligen Spielers, anstatt ein festes Koordinatensystem zu nutzen. Das System basiert auf drei Grundregeln:
Linien sind nach den Figuren benannt
Statt der Buchstaben a bis h trägt jede der acht Linien den Namen der Figur, die zu Beginn der Partie auf ihr steht. Das Brett wird in einen Königsflügel (K) und einen Damenflügel (Q) unterteilt:
| Linie (algebraisch) | Deskriptiver Name (engl.) | Abkürzung | Bedeutung |
|---|---|---|---|
| a | Queen Rook | QR | Damenturm-Linie |
| b | Queen Knight | QN | Damenspringer-Linie |
| c | Queen Bishop | QB | Damenläufer-Linie |
| d | Queen | Q | Damen-Linie |
| e | King | K | Königs-Linie |
| f | King Bishop | KB | Königsläufer-Linie |
| g | King Knight | KN | Königsspringer-Linie |
| h | King Rook | KR | Königsturm-Linie |
Reihen werden aus der Sicht des jeweiligen Spielers gezählt
Jeder Spieler zählt die Reihen von 1 bis 8, beginnend bei seiner eigenen Grundreihe. Das bedeutet: Das Feld „K4“ für Weiß und „K4“ für Schwarz sind zwei völlig unterschiedliche Felder! Das weiße K4 entspricht dem Feld e4 in der algebraischen Notation; das schwarze K4 entspricht hingegen e5. Diese wechselnde Perspektive ist die Hauptursache für Verwirrung bei modernen Lesern.
Figuren erhalten Buchstaben – auch der Bauer
Figuren werden im Englischen mit K, Q, R, B, N abgekürzt, und der Bauer wird ausdrücklich als P (Pawn) notiert. Ein Zug wird als „Figur-Zielfeld“ mit Bindestrich geschrieben: N-KB3 bedeutet „Springer zieht nach Königs-Läufer-3“. Schlagzüge nutzen ein x, wie in PxP („Bauer schlägt Bauer“).
Wie die algebraische Notation funktioniert
Die algebraische Notation (SAN, Standard Algebraic Notation) verwendet ein festes Koordinatensystem, das niemals die Perspektive wechselt. Die Linien tragen von links nach rechts (aus Sicht von Weiß) die Buchstaben a bis h; die Reihen werden von Weiß ausgehend von 1 bis 8 nummeriert. Jedes Feld besitzt genau einen eindeutigen Namen: e4 ist e4 für beide Spieler.
Ein Zug besteht lediglich aus dem Figurenbuchstaben und dem Zielfeld. Der Buchstabe für den Bauern entfällt vollständig: Ein Bauernzug nach e4 heißt schlicht e4, ein Springerzug Nf3. Schlagen wird mit x notiert (exd5, Nxe5), Schach mit + und Schachmatt mit #.
Aufbau eines algebraischen Zugs:
N x e 5 +
| | | | └─ Schachgebot
| | └──┴──── Zielfeld
| └────────── Schlagen
└───────────── Figur (Bauer entfällt)
Direkte Gegenüberstellung beider Systeme
Beide Systeme beschreiben exakt dieselben Züge. Hier ist dieselbe kurze Eröffnung – eine Italienische Partie (Giuoco Piano) – in beiden Schreibweisen:
Deskriptiv Algebraisch (SAN)
1. P-K4 P-K4 1. e4 e5
2. N-KB3 N-QB3 2. Nf3 Nc6
3. B-B4 B-B4 3. Bc4 Bc5
4. P-B3 N-B3 4. c3 Nf6
5. P-Q4 PxP 5. d4 exd4
Zeile für Zeile übersetzt:
| Deskriptiv | Algebraisch | Bedeutung |
|---|---|---|
| P-K4 | e4 | Bauer zieht in die vierte Reihe der Königslinie |
| N-KB3 | Nf3 | Springer zieht nach Königs-Läufer 3 |
| N-QB3 | Nc6 | Springer nach Damen-Läufer 3 (aus Sicht von Schwarz = Reihe 6) |
| B-B4 | Bc4 / Bc5 | Läufer zieht auf die vierte Reihe einer Läuferlinie |
| PxP | exd4 | Bauer schlägt Bauer |
Aus moderner Sicht fällt auf, dass eine Angabe wie B-B4 ohne Kontext mehrdeutig ist, da es zwei Läuferlinien gibt. Der Spielkontext löst dies auf: In obiger Zugfolge ist das weiße B-B4 der Königsläufer nach c4, während das schwarze B-B4 der Königsläufer nach c5 ist. Die deskriptive Notation baut ständig auf diesem Mitdenken des Kontexts auf. Eine vollständige Erläuterung des modernen Standards findest du in Schachnotation erklärt.
Warum sich die algebraische Notation durchgesetzt hat
Die algebraische Notation ist eindeutig, sprachunabhängig und deutlich kompakter. Da das Koordinatensystem fest verankert ist, entfällt das ständige Umrechnen der Reihen je nach Spielerfarbe. Der Weltschachbund FIDE erklärte die algebraische Notation 1981 zum alleinigen offiziellen Standard. Bis Ende der 1980er-Jahre verdrängte sie die deskriptive Schreibweise nahezu vollständig aus allen Schachpublikationen.
Heute begegnet einem die deskriptive Notation fast ausschließlich in Schachbüchern vor 1980 – Klassikern von Autoren wie Nimzowitsch, Capablanca, Fischer, Reinfeld oder Fine. Auch in spanisch- und französischsprachigen Werken dieser Ära war eine analoge Form verbreitet. Wer historische Schätze studiert, profitiert davon, diese Sprache flüssig lesen zu können.
Die algebraische Notation ist zudem das Fundament des modernen digitalen PGN-Formats. Wie diese Spieldateien aufgebaut sind, erfährst du in Was ist PGN?.
Eine alte Partie übertragen
Für die Übersetzung alter Partien gibt es keine automatische Abkürzung: Deskriptive Notation muss manuell Zug für Zug übertragen werden, wobei die obige Tabelle als Leitfaden dient. Baue ein Brett auf (physisch oder über den kostenlosen Brett-Editor), spiele die Züge einzeln nach und notiere sie in moderner algebraischer Notation. Das Ausspielen auf dem Brett ist unverzichtbar, da Züge wie B-B4 erst durch die reale Stellung zu Bc4 oder Bc5 aufgelöst werden und ein PxP erst auf dem Brett erkennen lässt, ob exd4 oder ein anderer Schlagzug gemeint ist. Achte besonders auf die Zählung von Schwarz: Das schwarze K4 ist e5, nicht e4.
Liegt die Partie in algebraischer Notation vor, kannst du sie überall nutzen: in jedem PGN-Editor, in einer Lichess-Studie oder handschriftlich auf einem modernen Partieformular.
Ein sauber in algebraischer Notation geführtes Partieformular kann anschließend abfotografiert und von ScanChess erfasst werden, um eine regelgeprüfte PGN zu erstellen. Der Scanner liest ausschließlich algebraische Notation – ein Foto von Buchseiten mit alten Notationen wie P-K4 und N-KB3 kann von der Software nicht automatisch umgerechnet werden.

